Wo Architektur nach Rezept aufhört und digitale Planung beginnt


Mit der Architektur verhält es sich ein bisschen wie in der Küche mit Kochen nach Rezept. Bisher entstehen Objekte, ganz ähnlich wie Gerichte, Schritt für Schritt. Ob am Herd oder am Reißbrett: Es wird mit dem gekocht beziehungsweise geplant, was man kennt. Wie digitale Dienste wie Hellofresh und Marley Spoon den Kochhorizont erweitert haben, wird Building Information Modeling (BIM) die Prozesse in der Architektur umkrempeln. Denn: BIM ändert die Entscheidungen bereits in der Planung. Damit wird künftig nicht mehr geplant und gebaut, was man kennt – sondern was theoretisch möglich ist. Architekten und Baustoffindustrie profitieren gleichermaßen.

Digitalisierung ist Wandel. Wandel des Status quo, Wandel der Prozesse und Abläufe. Das Bauwesen in Deutschland ist traditionell an Abgrenzung gewöhnt. Erst Ausschreibung, dann Planung, dann wieder Ausschreibung, dann Ausführung. Jeder übernimmt nur seinen eigenen Part. Das steht fundamental gegen BIM: Denn hier sind die Erfahrungen aus Ausführung und Betrieb notwendig, um bereits in der Planung die richtigen Massen, Materialien und Zeiten zu berücksichtigen.

Planer zeichneten bisher teils noch analog oder teils schon digital und holten im Anschluss an die Planung Angebote der Gewerke ein, um dem Bauherren ein Angebot darbieten zu können. Mit BIM lautet die Devise: Je früher Planer und Architekten alle Informationen haben, desto besser können sie eingebunden werden. Die Planung beginnt deshalb mit der Verwendung konkreter Baustoffe, Lösungen und Systemvarianten, die bei der Baustoffindustrie vorliegen.

Gewöhnliche Zutaten begrenzen die Mahlzeit

Kommen wir zurück zu unserem Bild des Kochens. Man kann seine Zutaten entweder erst einkaufen und dann loslegen. Oder man stelle sich vor, man steht als Koch vor einer riesigen virtuellen Theke mit allen erdenklichen Zutaten, die Lebensmittelproduzenten bereithalten. Ob hunderte Gemüsesorten, unzählige Fisch- und Fleischarten, tausende Gewürze und, und, und: Wird das Gericht nicht anders ausfallen, wenn ich von vornherein sehe, was es alles gibt? Was möglich ist? Was die feinen Unterschiede sind? Und was kombiniert werden kann?

Zwar ist die Vorbereitungszeit unter Umständen etwas länger, weil viele Entscheidungen noch in der Vorplanung getroffen werden müssen. Wenn der eigentliche Planungsprozess dann aber beginnt, ist er strukturierter, konkreter, differenzierter und vor allem schneller abgeschlossen. Ob in der Küche oder im Bauwesen: Das Ergebnis wird reichhaltiger – und besser. Es gibt weniger Einheitsbrei, mehr Abwechslung und mehr Qualität.

Prinzip Fast Food: Ökonomisch, schnell und einseitig

So vorteilhaft diese Entwicklung klingt, so voraussetzungsvoll ist sie: Damit Planer auf die Produkte, Lösungen und Systemvarianten der Baustoffindustrie zugreifen können, müssen sie erst einmal BIM-konform zur Verfügung stehen. Doch was bedeutet das?

Baustoffhersteller müssen die Produktdaten ihres Produktportfolios, ihrer Lösungen und Systemvarianten so übersetzen und aufbereiten, dass sie in den weltweit führenden CAD-Programmen der Planungsbüros effizient genutzt werden können. Das Problem ist: Diese Übersetzungsleistung setzt sauber gepflegte Produktdatenmanagementsysteme voraus, die nur sehr selten vorliegen. Baustoffproduzenten haben nur sehr widerwillig erste Schritte in Richtung Digitalisierung gemacht. Das Ergebnis: Es gibt häufig keine grundlegende Datenstruktur im Unternehmen und teilweise wird sogar noch mit Excel gearbeitet. Nur die großen Player im Markt arbeiten mit führenden Produktdatensystemen wie SAP, ERP oder dem für BIM wertvollen Produktinformationsmanagement, auch genannt PIM. Die Hausaufgabe, die die Industrie auf ihrem Weg zu ihrer BIM-Readiness vollziehen muss, ist, die Versäumnisse der vergangenen Jahre im Bereich der Datenstrukturierung aufzuarbeiten. Wer aus der großen Theke der Zutaten wählen möchte, muss die digitalen Voraussetzungen schaffen.

Chancen für die Baustoffindustrie

Warum lohnt es sich konkret für Bauproduktehersteller an der BIM-Entwicklung zu partizipieren? Viele fürchten sicher den digitalen Entwicklungsschritt zu versäumen und von der Branche abgehängt zu werden. Doch stellen wir uns einmal nicht die Frage, welcher Verlust droht, wenn sich die Industrie nicht aus der Schockstarre löst, sondern fragen uns, was sie gewinnen kann.

Mit neuen Bausteinen zu einmaligen Gerichten

Ein wesentlicher Mehrwert, der Planern, Herstellern und schlussendlich auch Häuslebauern gleichermaßen zugutekommt, ist dem Umstand geschuldet, dass aktuell noch immer zu viele Lösungen und Systemvarianten der Industrie ungenutzt bleiben und dadurch nicht die optimale Bauqualität erzielt wird, die eigentlich möglich wäre. Grund hierfür ist die hohe Komplexität, die mit den verschiedenen Variationsmöglichkeiten beispielsweise eines Wandaufbaus einhergeht. Hersteller tun sich schwer, die Breite und die Vielschichtigkeit des Angebots zu kommunizieren. Wieder auf die Küche übertragen: Der Lebensmittelproduzent kann dem Kochbegeisterten auch nicht mitteilen, welche Gerichte er zu zaubern in der Lage wäre, wenn dieser nur eine Vorstellung davon hätte, welche Vielfalt an Zutaten zur Verfügung stünde und er potenziell wählen könnte.

Deshalb sind Kochboxen wie HelloFresh für viele eine kulinarische Horizont-Erweiterung, weil sie ohne die Rezeptbeilage nicht wüssten, dass die Ananasminze zum Auberginenhähnchen gehört und die Erdbeerminze zur Joghurtcreme. Es fehlt aufseiten der Architekten und Planer eben auch an zusätzlichem Fach-Knowhow wie beispielsweise Bauphysik, um die ganze Palette an Kombinationsmöglichkeiten selbst zu erkennen. Deshalb ist BIM eine Erweiterung, eine Eröffnung. BIM ist die Kochbox der Planer, weil es die Augen öffnet für neue Zutaten und zeigt, wie diese eingesetzt werden können. BIM macht es Planern und Architekten erstmals möglich, entsprechend den Anforderungen des jeweiligen Gebäudes über die optimale Lösung und Systemvariante zu verfügen und damit die bestmögliche Wertigkeit zu erzielen.


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